Die Türkei, inzwischen eines unserer liebsten Urlaubsländer, stellt eine Art Scharnier dar zwischen Asien und Europa, zwischen dem säkularisierten Westen und dem traditionsreichen Orient. Seit der Regierungszeit des im Land hochverehrten Mustafa Kemal Pascha, genannt „Atatürk“, Vater der Türken, in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, vollzieht die offizielle Türkei eine radikale Hinwendung zum Westen. Ein gewisser Teil der Bevölkerung hat diese Verwestlichung sehr weitgehend vollzogen. Vor allem an der Ägäisküste fällt es einem schwer, einen Unterschied zu anderen, europäischen Mittelmeerländern festzustellen. Je weiter man allerdings in den gebirgigen Osten des Landes vorstößt, desto eindeutiger manifestiert sich, dass die Türkei vor allem ein muslimisches Land ist. Dort findet man - nicht nur durch den Islam entstandene - Traditionen und Einstellungen vor, die für einen Mitteleuropäer schwer nachzuvollziehen sind.

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Äußerst eigenwillig erscheint einem Europäer die in der Türkei sehr gängige Interpretation des Begriffes „Ehre“. Ehre bedeutet in islamischen Ländern vor allem die Keuschheit der weiblichen Mitglieder der eigenen Familie. Da die körperliche Anziehungskraft einer Frau, so die Vorstellung der Orientalen, praktisch unwiderstehlich ist, hat die Frau sich so zu verhalten, dass die Versuchung für die Männer so gering wie möglich ist. Dies geschieht durch eine weitgehende Distanzierung von Männern in der Öffentlichkeit (Blick gesenkt halten, nur in Begleitung aus dem Haus gehen), vor allem aber durch die Kleidung, die den Körper und die Haare (ein besonders erotischer Teil der weiblichen Erscheinung) komplett bedecken soll. Geht die weibliche Keuschheit verloren, so bedeutet dies gleichzeitig den Verlust der Ehre, und zwar unwiderruflich!

Westlichen Touristinnen unterstellt man von vornherein mangelnde Keuschheit, also Unehrenhaftigkeit, vor allem, wenn sie nicht mit ihren körperlichen Reizen geizen. Wenn Sie es als Frau also nicht auf ein erotisches Abenteuer anlegen, sollten Sie besser gewisse Regeln beachten. Sie sollten sich nicht zu freizügig kleiden, vor allem bei der Besichtigung einer Moschee, wo Sie ein Kopftuch sowie ein Kleid, das zumindest die Schultern und Knie bedeckt, tragen und einen separaten Teil für Frauen aufsuchen müssen. Am Eingang der Moschee müssen Männer wie Frauen übrigens die Schuhe ausziehen. Eine Frau, die allein unterwegs ist, erregt automatisch Aufsehen. Am besten man reist in Begleitung. Man sollte sich am besten nicht als unverheiratetes Paar zu erkennen geben. In jedem Fall gilt der Mann immer als der Beschützer der Frau. Er ist auch derjenige, der im Hotel, Restaurant usw. alles zu regeln hat, die Frau wird gar nicht angesprochen und hält sich dezent zurück. Sie mischt sich besser nicht in Männergespräche ein und widerspricht vor allem nicht ihrem Mann oder Begleiter öffentlich, denn dadurch sinkt das Ansehen beider. Absolut tabu ist das Baden oben ohne! Was bei Frauen auch sehr abschätzig betrachtet wird, sind Haare unter den Achseln und an den Beinen.

Sie sollten sich als Frau in öffentlichen Verkehrsmitteln oder Restaurants nie neben Männer setzen (In Gaststätten gibt es meist spezielle Familienbereiche, die Sie nutzen sollten), Männer nie zu offen ansehen oder anlächeln, denn all dies wird sehr leicht als eindeutiges Angebot betrachtet. Im Taxi setzen Sie sich am besten auf den Rücksitz hinter dem Fahrer. Jedes Alleinsein mit Männern ist zu vermeiden. Jede Art von Anmache - auch scheinbar zufällige Berührungen - ignorieren Sie am besten, wird der Mann sehr zudringlich, kann es angebracht sein, lautstark zu protestieren. Die Öffentlichkeit wird dann auf jeden Fall auf Ihrer Seite stehen. Keuschheit ist für türkische Männer nur theoretisch erstrebenswert, in der Praxis wird ihnen, wegen der übermächtigen weiblichen Reize, jedoch jegliche Übertretung verziehen. Wir sehen also, an verschiedene Gruppen von Menschen werden durchaus sehr unterschiedliche Maßstäbe angelegt. Männer werden anders behandelt als Frauen und Muslime anders als Nicht-Muslime. So verbietet der Koran übrigens einer muslimischen Frau, einen „Ungläubigen“ zu heiraten. Männer haben auch hier größere Freiheiten.

Für die Aufrechterhaltung der Familienehre, also der Keuschheit der Frauen, tragen nicht nur die Frauen selbst, sondern insbesondere auch die Männer in der Familie Verantwortung. Was das heißt, kann man feststellen, wenn man sich als Urlauber aus dem Westen erdreistet, eine junge türkische Frau anzusprechen. Wenn diese nicht aus einer sehr westlich orientierten Familie stammt, bekommt man möglicherweise erheblichen Ärger mit dem in der Nähe weilenden älteren Bruder, der mit Argusaugen über die Ehre der Schwester wacht und bereit ist, in überheblicher, aggressiver Art und Weise dem vermeintlichen Übeltäter entgegenzutreten. Nähern Sie sich als Mann also besser keiner jüngeren türkischen Frau, setzen Sie sich in öffentlichen Verkehrsmitteln oder Restaurants nicht direkt neben eine Frau. Falls die Ehre der Familie verlorengegangen ist, stellt dies auch für die Männer in der Familie eine erhebliche Bürde dar, die durch Verwandte und Bekannte noch erschwert wird. Eine Art Sühne ist im Extremfall nur möglich, indem man die Tochter oder Schwester „über den Jordan schickt“.

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Hierbei ist darauf hinzuweisen, dass nicht mehr jede türkische Familie nach diesen strengen Traditionen lebt. Die beschriebenen Normen und Verhaltensweisen sind jedoch kein extremer Einzelfall. Als Tourist aus dem Westen sollte man entsprechende Vorsicht walten lassen und vor Ort in der Türkei diese Traditionen und Denkweisen respektieren, ebenso wie selbstverständlich die Ausländer, die zu uns kommen, unsere Normen und Traditionen zu respektieren haben.

Wenden wir uns einem unproblematischeren Thema zu, der sprichwörtlichen türkischen Gastfreundschaft. Besonders in abgelegenen Dörfern ist diese noch in ihrer Reinheit vorzufinden. Dort sind allerdings auch gewisse türkische Sprachkenntnisse sehr nützlich. Gute Sprachführer gibt es im Shop. Jemanden einzuladen bringt dem Gastgeber nach orientalischer Vorstellung Prestige. Muss man eine Einladung ausschlagen, dann sollte man dafür eine gute Begründung liefern. Für den Eingeladenen bedeutet die Einladung allerdings automatisch auch eine Verpflichtung, die man entweder durch eine Gegeneinladung oder durch ein Gastgeschenk (bitte kein Geld anbieten, denn das ist eine Beleidigung!) an den Herrn des Hauses einlöst. Dieses sollte nicht zu teuer sein, damit der Gastgeber seinen Pflichten auch ohne weiteres nachkommen kann. Falls man Nahrungsmittel oder Getränke schenkt, sollte man bedenken, dass Muslime kein Schweinefleisch essen und (im Prinzip) auch keinen Alkohol zu sich nehmen. In einem türkischen Restaurant zahlt nicht jeder für sich, sondern es gibt immer einen Gastgeber, der sich die Ehre nicht nehmen lässt, die Rechung für alle am Tisch zu begleichen.

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Wird man zu einer türkischen Familie nach Hause eingeladen, so zieht man zunächst die Schuhe aus. Die Frage nach dem Befinden ist übrigens Teil der Begrüßung. Vorgesehen ist nur die Antwort „gut“ sowie die entsprechende Gegenfrage. Unter guten Bekannten und Freunden ist (auch unter Männern) ein ritualisierter Kuss üblich. Dabei legt man erst die rechte, dann die linke Wange aneinander. Eventuell wird einem dann Kölnisch-Wasser gereicht, das man auf Stirn und Nacken verteilt, dies stellt eine Art rituelle Waschung dar. Üblicherweise setzt man sich dann auf den Boden, der mit Decken und Kissen ausgestattet ist. Einem anderen dabei die Fußsohlen zuzuwenden ist respektlos, daher lässt man sich am besten im Schneidersitz nieder. In traditionellen Familien tritt die Dame das Hauses entweder gar nicht in Erscheinung oder verhält sich sehr zurückhaltend. Als Mann sollte man ihr keine zu große Aufmerksamkeit schenken, als Frau hat man in diesem Punkt selbstverständlich größere Freiheiten. Nach dem obligatorischen Begrüßungstee wird das Essen gebracht, von dem sich jeder mit Gabel oder Löffel bedient. Dabei benutzt man ausschließlich die rechte Hand.

Die Erklärung dafür bietet die traditionelle orientalische Toilette, wo man nicht sitzt, sondern kauert. Man reinigt sich nicht mit Toilettenpapier, sondern mit Wasser und der linken Hand, die daher als unrein gilt.

Je mehr und genussvoller der Gast isst, desto mehr fühlt sich der Gastgeber geehrt. Wenn man satt ist, sollte man sehr entschieden Gabel oder Löffel aus der Hand legen und von der Tafel abrücken. Dann sollte man eindeutig erklären, dass man absolut satt ist. Ein Lob für das Essen an dieser Stelle würde unweigerlich dazu führen, dass einem noch mehr aufgetan wird.

Im Fastenmonat Ramadan, der sich entsprechend dem Mondkalender ständig verschiebt, dürfen gläubige Muslime tagsüber nicht essen, trinken oder rauchen. Im abgelegenen Bergdörfern kann es da auch für Touristen schwer werden, etwas Essbares aufzutreiben. Aus Respekt vor den Einheimischen sollte man sich am besten in der Öffentlichkeit auch als Urlauber etwas zurückhalten.

Das Feilschen beim Kauf höherwertiger Waren (Bei einem Bund Radieschen ist nichts drin!) gilt ebenfalls als ehrenhaft, denn man tritt dabei in einen Dialog mit dem anderen ein und beide Seiten beweisen ihre Fähigkeit, einen Ausgleich zwischen zwei gegensätzlichen Positionen (Preisvorstellungen) zu finden. Sobald der Kunde einen Preis nennt, geht der Händler fest davon aus, dass es zu einem Geschäftsabschluss kommen wird und ist sehr beleidigt, falls der Kunde dann einfach geht. Wer nicht über den Preis verhandelt, gilt zumindest als langweilig, ja fast schon als beleidigend. Übrigens findet es kein Türke auch nur im Geringsten unfair, dass für Einheimische andere Preise gelten als für Touristen, von denen man sowieso annimmt, sie seien reich. Türkische Geldscheine sollte man auf keinen Fall beschreiben oder bemalen. Dies wird als Geringschätzung des türkischen Staates angesehen, der sie herausgibt, ist verboten und absolut verpönt.

Besonders in den Touristenorten begegnen einem oft bettelnde Kinder. So hart es klingt, man sollte ihnen auf keinen Fall Geld geben, denn erstens wird man sie dann nicht mehr los und sie kommen am nächsten Tag mit weiteren Kindern wieder, und zweitens verhindert man, indem man ihnen eine so bequeme Einkommensquelle erschließt, dass sich jemand um ihre Schulbildung kümmert. Man züchtet auf diese Weise Berufsbettler heran, die auch in der Türkei am Rande der Gesellschaft leben. Bei älteren oder kranken Bettlern, die sowieso keine andere Möglichkeit haben, liegt der Fall natürlich anders.

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Die Nase putzt man sich lieber nicht in der Öffentlichkeit, zumindest wendet man sich dabei um. Abseits der Touristenzentren sollten auch Männer eine gewisse Kleiderordnung einhalten und lange Hosen tragen.

Mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis zu bilden und die Hand hochzuhalten, bei uns ein Zeichen für "optimal" oder "ok", ist in der Türkei eine obszöne, beleidigende Geste und sollte auf keinen Fall verwendet werden. Wenn man den Daumen nach oben abspreizt und auf- und abbewegt, so wird dies als Einladung zu homosexuellen Praktiken verstanden.

Der Koran verbietet den Genuss von Alkohol. Daher sind alkoholhaltige Getränke in sehr traditionellen Orten nur in speziellen Läden oder Restaurants zu bekommen. In der Praxis wird man feststellen, dass die meisten Türken einem Gläschen Raki oder Wein dennoch nicht abgeneigt sind. Trunkenheit gilt allerdinds als Schande. Auch der Besitz von Drogen wird äußerst streng bestraft. In sämtlichen öffentlichen Gebäuden, Restaurants und Kneipen gilt inzwischen ein strenges Rauchverbot. Dieses schließt auch die traditionelle orientalische Wasserpfeife (Türkisch "Nargile") ein.

Im gesamten Orient, so auch in der Türkei, pflegt man einen komplett anderen Umgang mit der Zeit. Vor allem im Umgang mit Behörden ist eine Menge Geduld gefordert. Ungeduld oder gar Beschwerden wegen der schleppenden Bearbeitung sind verpönt.

Einzig und allein im Straßenverkehr scheint der gerade erwähnte Grundsatz nicht zu gelten. Besonders beim Autofahren haben es alle sehr eilig. Der Verkehr ist auch nicht so stark reglementiert wie bei uns, es gibt weniger Ampeln und Verkehrsschilder. Gleichzeitig ist auch die Neigung der türkischen Verkehrteilnehmer, sich an Verkehrsregeln zu halten, nicht sehr ausgeprägt. Kurz gesagt, es geht auf türkischen Straßen sehr chaotisch zu. Da eigentlich immer alles passieren kann, sollte man sehr wachsam sein und nie auf sein Recht beharren. Das Hupen gilt übrigens als (ständig präsente) Form der Kommunikation.

Eigentlich lassen sich Türken recht gerne fotografieren. Einige alte Leute haben jedoch Angst vor dem bösen Blick. Auf jeden Fall sollte man immer vorher fragen. Das Fotografieren militärischer Einrichtungen ist allerdings verboten.

Tipp: Das gesellschaftliche Leben der Männer spielt sich in der Türkei in den Teehäusern und Teegärten ab. Wenn man als Mann Kontakt zu den Einheimischen knüpfen möchte, ist dies der beste Ort dazu. Frauen sollten sich allerdings nur dort einfinden, wenn es einen speziellen Familienbereich gibt. Manchmal begegnet man dort auch dem einen oder anderen aus Deutschland zurückgekehrten Gastarbeiter, mit dem man sich recht gut auf Deutsch unterhalten kann. Es kann einem in der Türkei leicht passieren, dass man auf der Straße angesprochen und zum Tee eingeladen wird. Wenn dahinter kein geschäftliches Interesse steckt, kann man diese Einladung ohne weiteres annehmen. Besonders wenn die Leute feststellen, dass man aus Deutschland kommt, wird man gerne willkommen geheißen, denn unser Land genießt in den Augen der Türken traditionell ein besonders hohes Ansehen.

Auch der Besuch eines Hamam, eines türkischen Dampfbades, ist sehr empfehlenswert. Dort gibt es unterschiedliche Eintrittszeiten für Männer und Frauen. Insbesondere für Frauen, die sich meist tagsüber dort aufhalten, ist das Hamam nicht nur ein Ort der Entspannung, sondern auch der Geselligkeit und der Kommunikation.

Einige der zentralen Gedanken dieses Artikels stammen aus dem Buch Kulturschock Türkei von Manfred Ferner, das einen hervorragenden Einblick in Geschichte, Kultur und Alltagsleben der Türkei bietet. Jedem, der sich eingehender mit dem Thema Türkei auseinandersetzen möchte, sei dieses hiermit wärmstens empfohlen.