Für uns im Westen ist das kalte, weite Russland sicherlich kein klassisches Reiseziel, obwohl es durchaus auch landschaftliche und vor allem auch kulturelle Glanzpunkte vorzuweisen hat. Das ausgedehnte Land mit den riesigen Gas- und Ölreserven sowie anderen Rohstoffen im Überfluss wird für uns jedoch mehr und mehr zu einem bedeutenden Handelspartner. Obwohl die Spätaussiedler ein Stückchen russische Kultur nach Deutschland gebracht haben, ist unsere Vorstellung von den Verhaltensweisen der Russen doch sehr bruchstückhaft. Umso notwendiger und lohnender ist eine Beschäftigungen mit den Umgangsformen und Denkweisen der Menschen dort.

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Fettnäpfchen:

Generell gilt in Russland, wie übrigens in den meisten Ländern, dass man sich ein bestimmtes Bild von den Ausländern gemacht hat und gar nicht erwartet, dass diese sich allzu perfekt an die russischen Gegebenheiten anpassen. Ein Besucher, der wie ein Russe spricht und handelt, irritiert die Leute sogar. Kleinere faux pas werden hingegen ohne weiteres verziehen.

Dem westlichen Besucher fällt in Russland auf, dass die Menschen in der Öffentlichkeit äußerst verschlossen wirken und zurückhaltend, ja sogar ruppig agieren. Blickkontakt, Lächeln, ausgeprägte Gefühlsäußerungen, sehr verbindliches Auftreten oder lautes Sprechen sind dem privaten Kontext zugeordnet. Ein Ausländer, der diese strenge Trennung zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten nicht kennt, wird sofort als solcher erkannt und zum Teil auch etwas irritiert zur Kenntnis genommen.

Im privaten Umfeld sind Russen jedoch für unsere Begriffe eher überschwänglich. Überlebensgroße Gestik und Mimik begleiten sehr gefühlsschwangere Äußerungen. Der Russe hat keine Angst vor übermäßigem Pathos, dem fast theatralischen Schwelgen in der Kunst oder auch sehr eindeutigen Missfallensäußerungen, etwa gegenüber den sozialen Verhältnissen im Land. Für Menschen aus dem Westen ist das alles gewöhnungsbedürftig, es wird ihnen aber auch nicht verübelt, wenn sie sich etwas zurückhaltender gebärden.

Auch die kulturspezifische körperliche Distanz ist in Russland wesentlich kleiner als bei uns im Westen. Bei Gesprächen steht man dichter beieinander, körperliche Berührungen werden nicht vermieden, sondern eher gesucht. Den „Sicherheitsabstand“, den man bei uns in öffentlichen Verkehrsmitteln oder Lokalen einhält, gibt es so in Russland nicht. Man rückt ohne zu zögern zu seinen Nachbarn auf und lässt keine Plätze frei.

Die Begrüßung zwischen Leuten, die sich nicht so gut kennen, erfolgt durch einen Händedruck, wobei Frauen dabei häufig sehr zurückhaltend sind. Im persönlichen, freundschaftlichen Umfeld begrüßt man sich hingegen meist mit Umarmungen und Wangenküssen.

Bei der Anrede einer Person, zu der man ein formelles Verhältnis pflegt, verwendet man den Vor- und den Vatersnamen. Eine Anna Jurjewna Netrebko (deren Vater Jurjew heißt) wird demnach mit Anna Jurjewna, ein Wladimir Wladimirowitsch Putin (dessen Vater offensichtlich ebenfalls den klassischen russischen Namen Wladimir trägt) mit Wladimir Wladimirowitsch angesprochen. Auch bei der Begrüßung sollten Vor- und Vatersname nicht fehlen.

In Russland leben zwar viele verschiedene Völkerschaften mit unterschiedlichsten Kulturen, die allgemeine Verkehrssprache, die praktisch jeder beherrscht, ist jedoch Russisch. In der Sowjetzeit konnte man sich in allen Ländern (des Warschauer Pakts), in die man reisen durfte, mit Russisch mehr oder weniger gut verständigen. Für die meisten Russen ist es daher undenkbar, in einer anderen Sprache, z.B. Englisch, zu kommunizieren. Die Ausnahme bilden natürlich jüngere und sehr gebildete Menschen. Daher ist es auf einer Russlandreise praktisch unverzichtbar, zumindest einige russische Wendungen parat zu haben. Gute Sprachführer gibt es zum Beispiel in unserem Shop.

Zu geschäftlichen Verhandlungen reist man am besten in einer größeren Gruppe kompetenter, möglichst hochstehender Persönlichkeiten an, denn der Einzelne gilt wenig. Außerdem spielen Macht und Position in der Hierarchie eine große Rolle. Bei den Gesprächen geht es russischen Geschäftsleuten oft um Machtausübung und die möglichst weitgehende Durchsetzung der eigenen Interessen. Auch der Geschäftspartner aus dem Westen sollte daher seine Position entschieden vertreten und sich nicht auf vorzeitige Zugeständnisse einlassen. Die Gespräche können sich auf diese Weise naturgemäß länger hinziehen. Für das Anknüpfen einer Partnerschaft sollte man auf jeden Fall persönliche Beziehungen nutzen.

Im Speisesaal eines Hotels oder in einem Restaurant setzt man sich nicht einfach an einen beliebigen Tisch. Man wartet, bis der Kellner einem einen passenden Tisch zuweist. Ganz anders als in den westlichen Ländern werden in Russland durchaus schon mal völlig Fremde am selben Tisch platziert.

Für einen Restaurantbesuch sollte man sich viel Zeit nehmen, denn einerseits sitzt man gerne zusammen, um sich ausführlich zu unterhalten, andererseits dauert es in der Regel einige Zeit, bis das gewünschte Essen aufgetischt wird und dann die Rechnung kommt. Zu Sowjetzeiten gab man überhaupt kein Trinkgeld, inzwischen nimmt die Bedienung aber 10% vom Rechnungsbetrag gerne an. Übrigens gilt es als Unsitte, Mantel oder Jacke mit in den Speisesaal zu nehmen und einfach über den Stuhl zu hängen. Die Oberbekleidung lässt man an der Garderobe, die häufig bewacht ist.

Das Klischee entspricht der Realität: Russen heben gerne einen. Alkoholismus ist ein weit verbreitetes Problem. Auch bei Tisch gehört Alkohol zur Grundausstattung. Meist handelt es sich um den traditionellen Wodka oder andere hochprozentige Getränke. Häufig wird zunächst ein Trinkspruch ausgebracht (auch als Gast sollte man sich einen zurechtlegen) und das Glas auf einen Zug geleert. Wenn man sich diesem Ritual entziehen möchte, sollte man dafür einen guten (z.B. medizinischen) Grund angeben.

In einem der typischen Wohnblöcke einen bestimmten Bewohner oder eine bestimmte Familie zu finden, ist keine leichte Übung. Neben der Hausnummer umfasst die Anschrift meist noch eine Block-, eine Eingangs- und eine Wohnungsnummer. Das Erdgeschoss wird übrigens als erster Stock gezählt. Die Haustür öffnet sich häufig erst nach der Eingabe eines Zahlencodes und der Name steht in der Regeln nicht neben der Klingel. Es empfiehlt sich also, sich an einer markanten Stelle zu verabreden.

Eine Einladung nach Hause ist nicht selbstverständlich und daher als große Ehre zu betrachten. Zu beachten ist zunächst, dass man sich nicht über die Türschwelle hinweg begrüßt, denn das bringt Unglück. Am Eingang der Wohnung zieht man die Schuhe aus. Meist werden einem Pantoffeln angeboten. Bei Tisch erwartet einen meist ein überreiches Angebot an verschiedensten Gerichten und Getränken. Für Gäste fährt man auf, was die Küche hergibt. Brot wird üblicherweise nicht mit Butter bestrichen. Man bricht es und isst eventuell ein Stückchen Butter dazu. Vor dem Trinken sollte man sich auf jeden Fall mit der bereitgelegten Serviette den Mund abtupfen. Praktiziert man die typisch deutsche Sitte, den Teller leer zu essen, so wird einem ständig nachgelegt. Dass man satt ist, signalisiert man, indem man einen kleinen Rest übrig lässt.

Wenn man eingeladen ist, gehört es zum guten Ton, ein kleines Gastgeschenk zu überreichen, das der Gastgeber nicht gleich auspacken, sondern beiseite legen wird. Bei der Auswahl hat man viele Möglichkeiten. Blumen sind beliebt (auch für Männer). Diese sollten in ungerader Zahl geschenkt werden und dürfen nicht gelb, bei älteren Damen besser auch nicht weiß sein, denn das bringt Unglück. Gut geeignet sind allerlei kulinarische Spezialitäten aus der Heimat. Wein schenkt man am besten den Damen, Männer bevorzugen Hochprozentiges. Darüber hinaus kann man alles mitbringen, was schick und möglichst typisch für die eigene Heimat ist.

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Den Künsten erweist man in Russland große Verehrung. Museen, Ausstellungen, aber auch Denkmäler werden häufig besucht und respektvoll behandelt. Russen gehen sehr gerne ins Konzert oder ins Theater. Die Kleidung ist dabei festlich. Für die westliche Gewohnheit, auch dort Jeans und T-Shirt zu tragen, hat man keinerlei Verständnis. In Russland gehört es zum guten Ton, eine recht umfassende literarische Bildung zu besitzen. Dies äußerst sich unter anderem darin, dass bei geselligen Anlässen häufig Gedichte rezitiert werden. Selbstverständlich bittet man auch den ausländischen Gast, ein Werk aus seiner Heimat wiederzugeben. Es ist ratsam, sich für diese Gelegenheit etwas zurechtzulegen.

Russen sind sehr patriotisch und unheimlich stolz auf die Errungenschaften ihrer eigenen Landsleute. Das kann so weit führen, dass sie behaupten, diese oder jene Erfindung sei nicht von einem Ausländer, sondern eigentlich von einem Russen gemacht worden. Außerdem werden häufig ganz offensichtliche Missstände geleugnet oder beschönigt. Die überall präsente Korruption gibt es dann einfach nicht, das marode Gesundheitssystem ist das beste der Welt und die mangelhafte Infrastruktur ist in Wirklichkeit schwindelerregend gut. Man will dem ausländischen Gast auf jeden Fall das prächtige, fortschrittliche Russland vorführen und rühmt dessen Kultur, Geschichte und Größe in aller Ausgiebigkeit. Von Ihnen als Besucher wird in dieser Situation erwartet, dass Sie Russland Respekt zollen, aber auch Ihr eigenes Land in einem positiven Licht darstellen.

Zum Einkaufen geht man entweder in die modernen Läden mit westlichem Standard hinsichtlich des Warenangebots und der Servicequalität (das Preisniveau ist entsprechend), oder aber in die staatlichen Läden sowjetischen Zuschnitts. Dort sind die Preise zwar niedriger, man darf aber nicht damit rechnen, freundlich oder gar kompetent bedient zu werden. Der ruppige Umgangston, den man in der russischen Öffentlichkeit häufig antreffen kann, gehört hier zum Gesamtkonzept. Gewöhnungsbedürftig ist auch, dass man zunächst die Ware aussucht, dann an die Kasse geht, um zu bezahlen und dann erst, mit dem Kassenbon versehen, den Artikel ausgehändigt bekommt. An den überall gegenwärtigen Marktständen kauft man vor allem frische Lebensmittel. Dem westlichen Touristen knöpft man gerne mehr ab als den Einheimischen, allerdings kann man es sich hier auch erlauben, den Preis etwas herunterzuhandeln.

Besonders in den Großstädten läuft der Straßenverkehr chaotisch ab. Kaum jemand hält sich an Verkehrsregeln. Jemand anderem Vorrang einzuräumen, ist nicht nur unüblich, der Versuch eines westlichen Touristen, dies zu tun, stößt auch auf absolutes Unverständnis bei den Einheimischen. Hinzu kommt noch, dass die Fahrzeuge und die Verkehrsinfrastruktur (Fahrbahn, Markierungen, Schilder, Ampeln usw.) nicht dem westeuropäischen Qualitätsstandard entsprechen und eine weitere potenzielle Gefahrenquelle darstellen.

Neben den öffentlichen (schwarz-weiß gestreiften) gibt es in Russland auch unterschiedlichste private Taxis. Beide hält man an, indem man die geöffnete Hand mit der Handfläche nach vorne hält. Besonders die privaten Unternehmer sind nicht immer seriös. Besonders von Ausländern werden oft Wucherpreise verlangt. Es empfiehlt sich, den Fahrpreis im voraus auszuhandeln. Manchmal kommt es sogar vor, dass ausländische Fahrgäste ausgeraubt werden.

Fragen Sie auf jeden Fall um Erlaubnis, bevor Sie Personen fotografieren. Seien sie auch ansonsten bei der Auswahl Ihrer Motive sensibel. Russen verstehen nicht, warum Sie unbedingt die (rückständige) dörfliche Idylle ablichten wollen, den (modernen) Betonklotz ein Stück weiter aber alles andere als pittoresk finden. Für militärische Einrichtungen braucht man natürlich eine Genehmigung.

Tipp: Aufgrund der besonderen Geschichte Russlands wird das Kollektiv gegenüber dem Einzelnen als vorrangig angesehen. Dies wirkt sich auch ganz praktisch aus. Als einzelner Tourist wird man häufig erst dann beachtet, wenn alle Reisegruppen versorgt sind. Daher empfiehlt es sich, wenn möglich, immer in einer Gruppe unterwegs zu sein, oder aber, sich auf der Reise einer Gruppe anzuschließen. Da Russen oft sehr kommunikativ sind, ist dies durchaus möglich.