China

Das Riesenreich China fasziniert uns Besucher aus dem Westen durch seine krassen Gegensätze zwischen Tristesse und Farbenpracht, unvorstellbarer Rückständigkeit und kompromissloser Modernität, zwischenmenschlicher Gleichgültigkeit und herausragender Offenheit und Freundlichkeit. Auf einer Reise durch das Reich der Mitte begegnet uns so manches, was uns abstößt, aber auch vieles, was uns erfreut und bereichert, wenn wir mit der angebrachten Sensibilität vorgehen und die mannigfachen Eindrücke möglichst vorurteilsfrei auf uns wirken lassen. Auf einer China-Reise ist es besonders wichtig, gewisse Verhaltensregeln zu beachten, um von den Einheimischen freundlich aufgenommen zu werden. In der Volksrepublik China trifft man übrigens nicht nur auf Chinesen. In einem weiten Bogen von Tibet über die Mongolei bis hin zur koreanischen Grenzregion siedeln Völkerschaften, die schon eine andere kulturelle Prägung besitzen und zum Teil auch gar nicht mehr typisch chinesisch aussehen. Für diese gelten die folgenden Aussagen mit Einschränkungen.

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Fettnäpfchen:

In der Öffentlichkeit begegnen sich Chinesen gegenseitig meist gleichgültig, oft sogar ruppig. Wenn es jedoch um Menschen geht, mit denen man etwas zu tun hat, setzt sich eine recht komplexe Maschinerie der Höflichkeit in Gang. Das traditionelle konfuzianische Gesellschaftsbild legt eine klare Hierarchie fest, der gemäß Vorgesetzte über Untergebenen, Kunden über Verkäufern, Ältere über Jüngeren und Männer über Frauen stehen. „Ladies first“ gilt in China nicht, ganz im Gegenteil. Entsprechend dieser Einordnung ergibt sich, wer wem den größeren Respekt zu zollen hat.

 

Unter Höflichkeit verstehen Chinesen vor allem, nie direkt zu sagen, was man will und was man nicht will, um so zu verhindern, dass der andere durch eine brüske Zurückweisung „sein Gesicht verliert“ oder man selbst Gefahr läuft, durch eine klare Ablehnung sein Gesicht zu verlieren. „Ja, ich werde Sie gerne zu dem Treffen begleiten, es kann aber sein, dass ich zu der Zeit Besuch von Verwandten bekomme“, heißt also höchstwahrscheinlich „nein, ich werde nicht mitkommen“. Bitten bringt man in China zunächst andeutungsweise vor. „Ich werde am Bahnhof schon zurecht kommen, aber mein Deutsch ist nicht so gut“, heißt dann im Klartext: „Kannst Du mich bitte zum Bahnhof begleiten und mir helfen, den richtigen Zug zu finden?“ Es ist also sehr wichtig, auf feine Andeutungen zu achten, um Missverständnisse und Enttäuschungen zu verhindern. Die Achtung für einen Ausländer aus dem Westen wird enorm steigen, wenn dieser sich bemüht, ebenfalls diese Art der Höflichkeit zu praktizieren, was sicherlich nicht ganz einfach ist.

 

Chinesen entschuldigen sich häufig zu für uns ungewohnten Anlässen, zum Beispiel für das Missgeschick eines anderen. Vor dem Essen entschuldigt sich der Gastgeber gerne dafür, dass das vielgängige Menu so bescheiden ausgefallen ist. Natürlich erwartet er darauf einen entschiedenen Widerspruch und großes Lob für das dargebotene Essen. Eine echte Einladung unterscheidet sich in China übrigens von einer reinen Höflichkeitsfloskel in Form einer Einladung dadurch, dass sie mehrmals hintereinander ausgesprochen wird, auch wenn man sie bereits höflich abgelehnt hat.

 

Seine eigenen Fähigkeiten spielt man gerne herunter, man gibt sich gerne bescheiden. Gleichzeitig freut man sich insgeheim aber sehr, wenn man von anderen Lob erfährt, das man wiederum relativiert. Im Grunde genommen ist diese Vorgehensweise das klassische „fishing for compliments“.

Traditionell ist es in China nicht üblich, sich mit einem Händedruck zu begrüßen, besonders Geschäftsleute, für die der Umgang mit Menschen aus dem Westen normal ist, haben diese Form der Begrüßung übernommen, jedoch gilt nur ein sehr schlaffer Händedruck als schicklich. Es ist unhöflich und aufdringlich, beim Gespräch dem Gegenüber ständig direkt in die Augen zu schauen. Nur beim Zuprosten gehört der tiefe Blick in die Augen dazu.

 

Für Chinesen ist ein enges Beziehungsgeflecht überlebenswichtig. Dieses ist in jeder Lebenslage, ob im geschäftlichen Umfeld, beim beruflichen Fortkommen, in der Ausbildung oder im Privatleben nützlich. Jeder fühlt sich gegenüber dem Freund eines Freundes eines Freundes zur Hilfe verpflichtet. Wenn man als Ausländer einen Anknüpfungspunkt in so einem Geflecht hat, werden sich einem viel leichter die erhofften Türen öffnen. Ein wichtiges Hilfsmittel, um seine Beziehungen aufrecht zu erhalten, sind Einladungen und Geschenke. In China herrscht eine ausgeprägte Geschenk-Kultur. Absolut ungeeignet sind Blumen, die ausschließlich als Grabschmuck Verwendung finden. Besorgen Sie lieber etwas Ess- oder Trinkbares und lassen Sie es am besten vor Ort gemäß chinesischen Konventionen einpacken. Man sollte nie vier Stück einer Sache (die Zahl vier wird auf Mandarin genauso ausgesprochen wie das Wort für Tod, nämlich "si") und auch keine Uhren verschenken (das Wort für Uhr klingt genau so wie der Ausdruck für Ende, eine Uhr wird also als Wunsch verstanden, dem Beschenkten möge ein baldiges Ableben beschieden sein!). Sowohl Geschenke als auch Einladungen beinhalten automatisch die Verpflichtung, sich zu revanchieren. Es ist unüblich, erhaltene Geschenke sofort auszupacken.

 

Bei Verhandlungen aller Art kann man feststellen, dass Chinesen einen klaren Standpunkt haben, den sie zwar zunächst nicht offen vertreten, von dem sie aber auch nicht ohne weiteres abrücken. Um zu verhindern, dass eine der Parteien ihr Gesicht verliert, muss so lange verhandelt werden, bis ein Kompromiss gefunden wurde, mit dem alle Beteiligten gut leben können, und sei dies nur der kleinste gemeinsame Nenner. Streit wird dabei nie aufkommen. Aufbrausen gilt als äußerst unzivilisiert. Wenn man auf einem Markt etwas erstehen will, so sollte man unbedingt zuerst verhandeln. Man lässt zuerst den Händler einen Preis nennen, der völlig überhöht ist. Man nennt also einen wesentlich niedrigeren Preis und nähert sich langsam an. Wenn man am Schluss etwas ein Drittel des zuerst genannten Preises bezahlt, können in der Regel beide Seiten zufrieden sein.

 

Das Essen ist nicht nur eines der bevorzugten Gesprächsthemen in China, es spielt auch eine ganz zentrale Rolle im Alltag. An dem bei uns gepflegten Klischee, dass Chinesen alles essen, was sich bewegt, ist zumindest in den südlichen Landesteilen viel Wahres. Auf chinesischen Märkten entdeckt man alle Arten von „Delikatessen“, die ganz frisch, d.h. lebend, an den Mann gebracht werden. Der Umgang mit Tieren ist allerdings nichts für schwache Nerven.

 

Bei einer Einladung in die Wohnung einer chinesischen Familie zieht man an der Tür die Schuhe aus und schlüpft in die angebotenen Schlappen. Zum Essen fährt man gerne viele verschiedene Gänge auf, und zwar alle auf einmal. Jeder probiert von jedem Gericht. Wird einem der extra für das Mahl gekaufte Seestern aufgetan, so wird man es zwar nicht völlig umgehen können, ihn zu probieren, auch wenn man ihn grauenhaft findet, doch wenn man sich mit Lob daran zurückhält und stattdessen andere Gerichte in den höchsten Tönen preist, kommt man mit einem blauen Auge davon. Die Suppe wird immer zum Schluss serviert. Wenn man nichts mehr essen möchte, lässt man einen Rest eines Gerichts in seinem Schüsselchen zurück, ansonsten wird einem ständig nachgereicht. Zum Essen trinkt man gerne Bier, danach Schnäpse oder Tee. Es gilt als leicht asozial, wenn man alleine trinkt, besser ist es, den anderen zuzuprosten und dann einen tiefen Schluck zu nehmen. Während des Essens unterhält man sich über angenehme Themen. Dabei wird jeder einbezogen, niemand sollte das Gespräch dominieren. Chinesen haben zwar einen ausgeprägten Humor, dieser ist jedoch nicht ohne weiteres für uns nachvollziehbar und umgekehrt. Mit Ironie oder gar Sarkasmus hält man sich am besten zurück. Für komplizierte oder geschäftliche Gespräche ist nach dem Essen noch Zeit.

 

Auch in chinesischen Restaurants – selbst in den sehr exklusiven – gilt, dass man sich beim Essen entspannt. Steife Tischsitten, wie in gehobenen westlichen Lokalen, wären da nur hinderlich. Vor allem für Männer ist daher das Schlürfen und Schmatzen, sogar das Aufstoßen, akzeptabel. Unfein ist es jedoch, sich bei Tisch die Nase zu putzen. Essstäbchen steckt man nicht senkrecht in den gekochten Reis (dies ist eine Anspielung auf Speiseopfer für die Geister der Verstorbenen) und legt sie nicht über Kreuz auf die Schale (dies ist ein Symbol für Streit). Nach dem Essen verlässt man das Lokal üblicherweise recht bald wieder.

 

Die Rechnung für den ganzen Tisch zu bezahlen ist eine große Ehre. Wem diese zufällt, entscheidet sich unter Umständen erst nach einem längeren Geplänkel. Trinkgeld ist in China nicht vorgesehen.

 

Drei Tabuthemen, die man in China besser nicht anspricht, sind, das Verhältnis zu Taiwan (in Taiwan spricht man auch nicht so gerne über die Beziehungen zur Volksrepublik China), die Tibet-Frage (die für Chinesen keine Frage ist, weil Tibet in ihren Augen ohne jeden Zweifel zu China gehört) und die kommunistische Regierung. Das letztere Gesprächsthema ist, je nach Haltung des Gegenübers entweder unergiebig, führt zu unnötigen Konflikten oder bringt die Gesprächspartner sogar in Gefahr. Die Einwohner der Volksrepublik China gehen selbst immer mehr dazu über, sich um ihr materielles Auskommen zu kümmern und sich so wenig wie möglich mit Politik zu beschäftigen.

 

Chinesen sind der Meinung, ihre Nation sei sozusagen die Wiege der Kultur. Daraus entsteht ein Überlegenheitsgefühl. Man kultiviert die Haltung, Ausländer seien auf keinen Fall in der Lage, China je richtig zu verstehen. Daher ist man gegenüber Menschen aus dem Westen häufig viel zuvorkommender als gegenüber den eigenen Landsleuten, denn man muss ihnen ja helfen zurechtzukommen. Man erwartet von Ausländern weder ausgeprägte chinesische Sprachkenntnisse noch detailliertes Hintergrundwissen über chinesische Kultur und Umgangsformen. Chinesen können meist kein oder kaum Englisch, geschweige denn andere Fremdsprachen. Ein paar Brocken Chinesisch sind daher praktisch unverzichtbar. Gute Sprachführer gibt es zum Beispiel in unserem Shop. Besonders in ländlichen Gegenden sind Menschen aus dem Westen immer noch Aufsehen erregend. Wegen ihrer seltsamen Haar- und Augenfarbe werden sie manchmal ungeniert angegafft wie ein Tier mit fünf Beinen. Über den Westen kursieren in China mindestens ebenso viele Vorurteile wie umgekehrt, diese wurden zeitweise sogar durch die kommunistische Propaganda geschürt. So haben sich zum Beispiel eigenartige Vorstellungen über das Gefühls- und Sexualleben (Kälte und Zügellosigkeit) der Westler entwickelt. Bärte bei Männern aus dem Westen sind ungewohnt (denn bei Chinesen ist der Bartwuchs kaum ausgeprägt) und gelten automatisch als schmutzig und unhygienisch.

 

Tipp: Als Individualreisender in der Volksrepublik China ohne gute Chinesisch-Kenntnisse hat man mit ausgeprägten kulturellen und sprachlichen Problemen zu kämpfen. Will man sich in die chinesische Kultur einfinden, so bietet sich sozusagen als „China light“ die Republik Taiwan an. Die Verkehrsverbindungen dorthin sind besser, man pflegt seit Jahrzehnten hervorragende Beziehungen zum Westen, ist den Umgang mit Leuten aus Europa und Amerika gewohnt und spricht auch viel besser Englisch als auf dem Festland. Darüber hinaus haben die Menschen dort, übrigens zu 98% Han-Chinesen, den Ruf, offener und umkomplizierter zu sein. Das kommt sicherlich daher, dass ihnen einige der extremen kulturellen Brüche, die ihre Vettern in der Volksrepublik, zum Beispiel in Form der Kulturrevolution, durchmachen mussten, erspart geblieben sind. Gleichzeitig pflegt man in Taiwan typisch chinesische Traditionen sehr viel bewusster als auf dem Festland.

 

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© Karl-Heinz Blos